In den vergangenen Wochen war die Zukunft ständig mit uns. Beziehungsweise die NICHT-ZUKUNFT. Schon früh am Morgen verlängerte der Radiowecker Tag für Tag die düstere Liste: Abwertungen, Abstürze, Auflösung. Die Zukunft demonstrierte in den vergangenen Wochen, was sie – bisweilen – kennzeichnet: Ungewissheit und Ungleichmäßigkeit.

Stillschweigende Gewissheiten beginnen plötzlich für alle fühlbar zu fließen.
Weisen die Turbulenzen in Europa nicht auf eine neue Art von Bewegung hin? Auf Veränderungen, die dadurch ausgelöst werden, dass ein System als unreif erkannt wird? Natürlich ist der Wandel komplex, und die Akteure sind bisweilen schwer auszumachen. Aber das ist in der Geschichte nichts Neues. Das Wesen der Veränderung ist die Turbulenz. Bevor eine neue Idee, ein neues Selbstverständnis entsteht. Die Krise Europas kann Zukunftsforschung für jeden greifbar und anschaulich machen. Sie nimmt der Zukunft das Abstrakte, Ferne. Jetzt sind es nicht mehr Maghrebiner auf der anderen Seite des Meeres, die Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit suchen, jetzt geht es um uns. Unser Geld, unser Land, unsere Zukunft.

Daher haben wir Anfang Oktober vier Szenarien erarbeitet und online zur Abstimmung gestellt. Sie fi nden sie auf den nächsten Seiten, einschließlich der Prozentzahl derjenigen, die sie für am wahrscheinlichsten hielten. Bewusst knapp und pointiert, war unser Ziel, den Blick zu öffnen von der Untergangsrhetorik in den Medien auf die denkbaren Modelle von Europa – Futuropa eben. Die Reaktion der Zukunftsinteressierten war eindeutig: Es lohnt sich, über die wünschbaren Zukünfte nachzudenken. Nur wer jenseits des Katastrophismus, der ermüdenden Talkshow-Untergangsrhetorik, nachdenkt, kann auch mitgestalten. Die Ergebnisse unserer Ad-hoc-Umfrage nehmen wir nun in diesem Heft auf und spinnen den Faden der Geschichte weiter: Was sind die Lehren, die unsere Gesellschaften, Politiker und die Wirtschaft aus den schmerzhaften Prozessen der letzten Wochen ziehen können? Wie muss eine politische Willensbildung in der Zukunft aussehen? Welche Erkenntnisse aus den „Flankenwissenschaften“ der Zukunftsforschung, der Spiel- und Systemtheorie, lassen sich hier anwenden?

Wir interessieren uns für die Zukunft Europas. Europa ist ein wunderbares Beispiel für jene Komplexität, die unsere Zukunft ausmacht. Deshalb überlassen wir den anderen die Häme, den Spott, den billigen Negativismus, die Besserwisserei, die immer mit Krisen verbunden ist. Wie sagte der gute alte Joseph Schumpeter so schön? „Wachstum ereignet sich nicht in kontinuierlicher Form, sondern in Stürmen kreativer Zerstörung.“ Und der Schriftsteller Max Frisch formulierte: „Jede Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ In diesem Sinne wünschen eine interessante Lektüre

Matthias Horx | Herausgeber und Thomas Huber | Chefredakteur