Die Spieltheorie behandelt die Welt so, also wäre sie ein großes Gesellschaftsspiel. Dann fragt sie sich, wie sich die Menschen als Spieler darin verhalten. Weil das Verhalten in einem Spiel gut vorhersagbar ist, ist die Spieltheorie eine erfolgreiche Methode der Zukunftsforschung.

 

Wenn man sieht, dass ein Spiel eine unschöne Zukunft verursacht, dann kann man an zwei Stellen eingreifen: Manchmal reicht es, den Spielern beizubringen, wie man das Spiel besser spielt. Manchmal sind aber die Regeln des Spiels das Problem. Dann gibt es nur die Möglichkeit, die Spielregeln so zu ändern, dass das Spiel angenehmer wird. Dieser Beitrag macht Vorschläge, wie wir Europa als schöneres Spiel gestalten können.

Grüne, gelbe und rote Staatschulden
Stellen Sie sich einen großen See und eine kleine Fabrik vor. Die Fabrik produziert neben schönen Produkten auch Abwässer und leitet sie in den See. Natürlich weiß jeder, dass das eines Tages ein Problem wird, aber weil der See groß und die Fabrik klein ist, liegt dieser Tag gefühlt so weit in der Zukunft, dass sich im Moment niemand darum kümmert. Deshalb geht es viel zu lange so weiter, und wenn man dann merkt, dass es wirklich zu weit gekommen ist, dann hat es schon den ganzen See erfasst. Selbst wenn die Spieler es schließlich verstehen, kann es schon aussichtslos geworden sein.
Das ist ein unschönes Spiel. Wie bringt man die Menschen dazu, vorausschauender zu handeln? Offenbar muss man die Verschmutzung schon in der Zeit fühlbar machen, in der sie noch nicht so stark ist, dass sie den ganzen See vergiftet. Das könnte man erreichen, indem man mehrere kleinere Seen hintereinander schaltet und sie nacheinander verschmutzt. Wenn der erste See kurz vorm Umschlagen ist, fängt man mit dem zweiten an – und macht so für alle Beteiligten sichtbar, dass eine Grenze überschritten wurde. Indem man eine kleine Katastrophe früher eintreten lässt, verhindert man die große. Als kleinen Nebeneffekt hält man die dahinterliegenden Seen mit dieser Methode länger sauber.

Genauso macht man es bei Darlehen, die man für den Hausbau aufnehmen kann. Statt ein großes Darlehen für den gesamten Finanzierungsbedarf zu vergeben, vergibt die Bank oftmals ein erstrangiges Darlehen für einen Beleihungswert bis 60 Prozent, dann ein zweitrangiges Darlehen bis 80 Prozent des Beleihungswertes und eventuell ein nachrangiges für Beträge darüber hinaus. Es ist offensichtlich, dass das Risiko des Ausfalls mit zunehmender „Tranche“ immer weiter ansteigt. Es ist das gleiche Prinzip wie bei den Seen: Die Tranchen machen das Risiko sichtbar und schirmen die besseren Tranchen vom Risiko ab. Genau das kann man auch mit Staatsschulden machen. Man könnte sie einteilen in grüne, gelbe und rote Schulden, je nachdem, wie weit sie die vereinbarten Schuldengrenzen überschreiten.

Angenommen, wir würden das Europa- Schuldenspiel nach diesen Regeln ändern, dann würde sich schon jetzt manche Merkwürdigkeit zeigen, die bisher bei dem Alles-in-einen-großen-See-Ansatz verborgen geblieben ist. Wir würden sehen, dass keiner der wichtigen europäischen Staaten im grünen Bereich ist, Deutschland eingeschlossen. Wir würden auch sehen, dass zum Beispiel Spaniens Staatsverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt einen niedrigeren Stand hat als Deutschland.

Könnte es sein, dass es eine ganze Reihe Politiker gibt, die das alles lieber gar nicht so deutlich sehen wollen? De-Deregulierung
„Gewinne wurden zu Lasten der Konsumenten erzielt.“ Kennen Sie diese Formulierung? Sie wird verwendet, wenn die EU Kartellstrafen verhängt, zum Beispiel gegen Knopfhersteller oder Bierbrauer. Das geht von der Vorstellung aus, dass die Konsumenten die einen Spieler sind und die Unternehmen ihre Gegner und immer der eine das verliert, was der andere gewinnt.
Das ignoriert, dass fast jeder Konsument auch Anbieter ist – zum Beispiel, indem er bei einem der Produzenten arbeitet. Der gigantische Konkurrenzdruck, den wir durch das große Deregulierungsprojekt Europa aufgebaut haben, ist genau das, was wir als Angestellte als unmenschliche Arbeitsverdichtung erleben. Die „Markt-Liberalisierung“ ist genau das, was Südeuropa schutzlos einer überlegenen Konkurrenz aus Nordeuropa ausgesetzt hat.
Es ist daher Zeit einzusehen, dass ein Spiel kein schönes ist, das gnadenlos jeden zum Konkurrenten des anderen macht. Genau das ist aber das Resultat der Deregulierung, die im Windschatten der europäischen Einigung gesegelt ist. Nehmen wir sie wieder zurück; nicht ganz, aber teilweise. Konstruieren wir die Konkurrenz in Europa wieder so, dass die Spieler nicht nur gegeneinander spielen, sondern auch miteinander. Zum Nutzen der Konsumenten, die auch Produzenten sind.

Wahlrecht reformieren
Können Sie sich noch an die Quadratwurzel im Wahlrecht erinnern? Das war eine Diskussion, die von Polen ausging, um zu erreichen, dass die Stimmen im Europarat nicht proportional mit der Bevölkerung der europäischen Staaten steigen, sondern mit der Quadratwurzel aus der Bevölkerungszahl. Natürlich hat kaum jemand verstanden, was sich dahinter verbirgt; höchstens vielleicht, dass diese Wurzelfunktion kleinere Länder gegenüber größeren bevorzugt.

Es ist jedoch kaum jemandem aufgefallen, warum es überhaupt zu dieser Diskussion kommen konnte. Denn das Wahlverfahren für den Europarat ist sehr speziell: Jedes Land kann bei Abstimmungen nur ganz zustimmen oder ganz ablehnen. Das mag zu Beginn der EG ein sinnvolles Verfahren gewesen sein, aber man muss sich inzwischen fragen, ob es nicht einfach überholt ist und durch eines ersetzt werden sollte, in dem die Vertreter eines Landes auch gemischt abstimmen können, denn es kann Fälle geben, in denen sich die Bevölkerung eines Landes völlig einig ist, und andere, in denen sich die Interessen stärker unterscheiden. Damit wäre es auch wieder gerecht, wenn die Stimmen im Europarat proportional zur Bevölkerungszahl vergeben würden. Und wenn wir gerade dabei sind, dann ist auch auf den Prüfstand zu stellen, ob das mehrstufig indirekte Wahlrecht der EU-Bürokratie sinnvoll ist oder ob es nicht durch ein direktes Wahlrecht ersetzt werden müsste, um als demokratisch gelten zu dürfen.
Natürlich liegt auch hier das Problem auf der Hand: Wir, die Wähler, wollen ein direktes und flexibles Wahlrecht. Aber die Bürokraten wollen es nicht. Das sind aber die, die es ändern könnten.

Unterschiede akzeptieren
Noch etwas ist im Zusammenhang mit dem Wahlrecht aufgefallen. Die mathematische Herleitung, die zur Quadratwurzel führt, beruht auf der Annahme, dass sich die Menschen jedes einzelnen Landes maximal uneinig sind. Das ist gleichbedeutend damit, dass alle Länder gleich sind, indem immer die eine Hälfte das eine, die andere Hälfte das andere will. Natürlich ist das in den europäischen Staaten nicht so: Es gibt nun einmal unterschiedliche Kulturen in Europa. Genauso, wie es unterschiedliche Menschen gibt.
Das ist aber etwas, womit sich die Europa-Verantwortlichen extrem schwer tun. Von der EU-Kommission bis zum Europäischen Gerichtshof steht immer nur im Vordergrund, dass alle gleich sein müssen. In Italien darf es keine anderen Nudeln geben und in Deutschland kein anderes Bier, Männer müssen die gleichen Versicherungsbeiträge zahlen wie Frauen, und im kalten Deutschland muss man genauso die Wärmeabgabe von Glühlampen reduzieren wie im warmen Spanien.
Dabei wird völlig übersehen, dass die Gleichbehandlung Ungleicher eine große Ungerechtigkeit ist. Das wird deutlich bei dem fiktiven Spiel, in dem der Gewinner mit Hilfe eines Wettbewerbs bestimmt werden soll und die Teilnehmer ein Elefant, ein Affe, eine Giraffe und ein Delphin sind. Ist es nicht offensichtlich, dass dieses Spiel umso unfairer ist, je gleicher die Art der Aufgabe ist? Gerechtigkeit entsteht hier nur, indem wir Ungleichheiten anerkennen und das Spiel entsprechend gestalten.

Aufteilung des Euro
Trotz seiner derzeitigen Probleme ist der Euro für viele ein Symbol der europäischen Einigung – nicht zuletzt wegen seines Namens. Der Euro ist aber nach den gleichen Regeln konstruiert wie die Anti-Kartellgesetze. Und deren Aufgabe besteht darin, die Zusammenarbeit potenzieller Kartellmitglieder zu verhindern! Genau das macht der Euro dann mit den Euro-Mitgliedern auch: Er hindert sie an der Kooperation.

Solche Kooperations-Verhinderungsregeln funktionieren immer so, dass sie einen Anreiz schaffen, vereinbarte Regeln zwischen den „Partnern“ zu brechen. Wenn es Sie interessiert, wie das genau funktioniert, dann muss ich Sie auf mein Buch „Rettung vor dem Euro“ verweisen. Hier aber so viel: Es gab seit Einführung des Euro über 70 Verstöße gegen die vereinbarten Defizitgrenzen. Das ist eine ganze Menge für eine Währung, die kaum mehr als zehn Jahre alt ist. Mit von der Partie der Sünder waren auch Frankreich und Deutschland, obwohl sich Deutschland ja besonders dafür eingesetzt hatte, dass diese Grenzen überhaupt vereinbart wurden. Merken Sie, dass es einen Anreiz geben muss, etwas anderes zu tun, als vereinbart war? Das liegt daran, dass das Euro- Spiel nach den falschen Regeln konstruiert ist.

Ich weiß, dass ich mich mit diesem Vorschlag unbeliebt mache, aber die Diagnose liegt leider auf der Hand: Wenn der Euro so konstruiert ist, dass er die Staaten Europas auseinandertreibt, dann muss der Euro geändert werden. Die beste Methode dafür ist eine Aufteilung in zwei Teile, den Nordeuro und den Südeuro. Auch wenn das so aussieht, als würde man hiermit das europäische Projekt begraben und die Solidarität zwischen den Staaten abschaffen, ist das Gegenteil der Fall. Die Aufteilung in Nord- und Südeuro würde die Entzweiung stoppen, die der Einheitseuro angerichtet hat. Danach würde es ganz Europa besser gehen, sowohl dem Norden als auch dem Süden.

Literatur: Christian Rieck: Rettung vor dem Euro, 2011.