In der Ausgabe 02/2012 rezensiert Matthias Horx ein Buch zum Thema Zukunfts-Verzerrung.

  • Daniel Kahneman: Thinking, fast and slow, Penguin Books, Oktober 2011. (erscheint unter dem Titel „Ich denke, also irre ich” im Mai auf Deutsch im Siedler-Verlag)

Wie funktioniert unser Hirn, wenn wir über Zukunft nachdenken? Um das herauszufinden, gibt es im Prinzip zwei Methoden. Man kann Menschen in eine Magnet-Resonanz-Röhre schieben und messen, was in den Teilen des Hirns passiert, wenn sie über den kommenden Urlaub oder drohende Börsenverluste nachdenken. Oder man kann mitten im Leben beobachten, wie Menschen damit umgehen, dass das Morgen ungewiss ist. Ersteres hat bislang noch wenig Ergebnisse gebracht. Zweiteres hat erhellende Wirkung.
Daniel Kahneman, Psychologe, Nobelpreisträger, Professor der guten, alten, langsamen Art, hat 20 Jahre für dieses Buch gebraucht. Es versammelt Tausende von Sozialexperimenten, Erfahrungen aus unzähligen Tests, Analysen menschlichen Verhaltens und mentaler Operationen, die allesamt zeigen, wie „future biased” wir sind. „Bias” meint „Vorurteil, Beeinflussung, Befangenheit”. In Bezug auf die Zukunft können wir es auch mit „Verzerrung” übersetzen. 20 „Biases” hat Kahneman in seiner Arbeit intensiv untersucht und in zahlreichen Experimenten dokumentiert. Hier einige Beispiele:

Der Vergleichsirrtum – Überhöhung subjektiver Wahrnehmung
Sie fahren auf einer Autobahn brav im moderaten Tempo auf der rechten Spur. Und ärgern sich, dass unentwegt jemand auf der linken Spur davonrast. Ist doch klar: „Niemand hält sich mehr an die Regeln!” „Wir leben in einer brutalen Überholgesellschaft!” Ein klassischer Vergleichsirrtum, der aus der Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und dem realen Systemverlauf beruht. Von den tausend Autos, die brav auf der rechten Spur fahren, sehen Sie nämlich nur zwei – Ihren Vorder- und Ihren Hintermann. Die wenigen Raser auf der linken Spur sind jedoch das SIGNIFIKANTE ANDERE, das in unserem Hirn eine starke Dissonanz markiert. Wir nehmen die Ausnahme als das Ganze und basteln uns daraus einen Trend, der unsere Welthaltung, unsere IDEOLOGIE bestärkt.

Availability Bias – die Verfügbarkeitsillusion
Wenn Menschen einschätzen sollen, wie gefährlich eine Entwicklung ist, tun sie das nicht, indem sie abwägen. Unser Hirn greift bei der Einordnung auf bekannte Bilder zurück. Ganz oben auf dem Gedächtnisstapel, und damit leichter abrufbar, liegen die drastischen Eindrücke und Bilder, die sich besonders ins Gedächtnis eingebrannt haben. Katastrophen. Sensationen. Skandale. Der Kommunikationsberater Peter Metzinger beschreibt die Auswirkungen so: „Wir überschätzen systematisch das Risiko, durch Flugzeugabsturz, Bombenattentat, Autounfall oder Mord umzukommen. Und wir unterschätzen das Risiko, auf weniger sensationelle Art zu sterben, wie Diabetes oder Herzinfarkt, also das, was wir beeinflussen können. Unser Hirn denkt dramatisch, nicht quantitativ!”

Der Nostalgieirrtum – die Verzerrung der Vergangenheit
Nicht nur die Zukunft ist ungewiss, sondern auch die angeblich sichere Vergangenheit. Die meisten unserer Vermutungen über die Zukunft entstehen aus einem Vergangenheits-Gegenwarts-Vergleich, in dem von vornherein der Wurm drin ist. Denn wir vergleichen keineswegs die „wahre Vergangenheit” mit der realen Gegenwart. Das „false memory syndrom” ist eins der klassischen Phänomene der Psychologie. Wir erinnern uns kaum an den Zahnarzt, der vor 30 Jahren ohne Betäubung tief in den Zahnschmelz bohrte, mit grimmigem Strafgesicht. Wir haben auch immer nur das Gefühl, heute sei alles teurer, und vergessen, wie knapp früher das Geld war. Wir erinnern uns gerne daran, wie schön harmonisch „damals” Weihnachtsfeste verliefen. Nie gab es Streit. Immer war es festlich. Unentwegt lag Schnee. Früher war alles besser! Die Ehen. Die Liebe. Die Werte. Die Moral. In Wahrheit sucht sich unsere Erinnerung die Rosinen aus dem Vergangenheitskuchen. Damit wir uns heute so richtig beschweren können!

Warum neigen wir zu all diesen Fehl-Operationen? Kahneman erklärt dies durch eine fundamentale kognitive Dissonanz in unserem Hirn. Die beiden „Grundmodi” – Kahneman nennt sie „System 1” und „System 2” – arbeiten völlig verschieden. System 1 ist das evolutionäre „Spontanhirn”, mit dem wir instinktiv und emotional unsere Umgebung nach Gefahren, Entwicklungen, Vorteilen, Möglichkeiten scannen. System 2 hingegen ist das in langen, mühsamen Prozessen trainierte Rationalhirn. System 1 arbeitet leicht, flüssig und instinktiv. System 2 ist schnell angestrengt und überfordert. Das hat einen durchaus physischen Aspekt: Kognitive Operationen im rationalen Hirn haben einen hohen Energieverbrauch und führen schnell zum Abfall des Glukosespiegels in den Hirnzellen. Deshalb entscheiden wir lieber mit dem Bauch – und lassen uns dabei unentwegt von anderen, emotionalen Meinungen beeinflussen.
Kahnemans Arbeit hat für die systemische Zukunftsforschung entscheidende Bedeutung. Sie erklärt, warum die gesellschaftlichen Bilder der Zukunft so klischeehaft und hysterisch geworden sind. Aber auch, warum die Zukunfts- und Trend-Branche so viel Schrott bietet: Halbseidener Quatsch findet immer Nachfrage, deshalb wimmelt es von Hasardeuren, Aufschneidern und Leuten, die dem Marketing nach „System 1” nach dem Mund reden. Die Zukunft ist eben am spannendsten, wenn sie eher finster und apokalyptisch oder aber affengeil und hypertechnisch oder „ganz in meinem Sinne” daherkommt.