Nichts ist realer als Geld – und doch scheint derzeit kaum etwas unsicherer. Und so fördert die große Vertrauenskrise ins System des Zentralbankgeldes die Suche nach Alternativen. Überall entstehen Währungsexperimente: Pop-up Money, das große Veränderungen vorhersehen lässt – vom Verhalten der Individuen bis zu den Geschäften der internationalen Großunternehmen. Eine interessante Chance für viele Wirtschaftsbereiche tut sich auf.

Warum sich Geld wie Ketchup verhält und welche Alternativen derzeit entstehen

Die Finanzkrise verschärft die Suche nach Alternativen zum Zentralbankgeld. Nicht nur Revolutionäre und Romantiker experimentieren mit neuem Geld – überall entstehen gerade alternative Währungen, vor allem im Internet: Pop-up Money aus dem Nichts, gedeckt durch Vertrauen, Rechenleistung oder Zeit. Für Unternehmen birgt diese neue Vielfalt große Chancen, das Geschäft von den Wurzeln her zu verändern.

Geld ist etwas Virtuelles. Das ist heute, da sich an den Börsen Milliarden- und Billionen-Buchwerte in Sekunden verflüchtigen, eine Binsenweisheit. Über die Frage, wann das anfing, herrscht hingegen Uneinigkeit. Viele Kommentatoren sehen den Umschlagpunkt im Jahr 1971, als die Goldbindung des Dollars aufgegeben wurde und das Bretton-Woods-Währungssystem auseinanderbrach.
Die Vorstellung, dass Geld nur aus wertlosem Papier oder gar elektronischen Nullen und Einsen bestehen soll, will uns trotzdem nicht so recht in den Kopf. Nicht von ungefähr kontern Kreditkartenunternehmen dieses Unbehagen in jüngster Zeit, indem sie ihre VIP-Karten wie die American Express Platinum Card aus echtem Edelmetall fertigen lassen – so wird die Abstraktion der Abstraktion symbolisch zumindest wieder zum Sachwert.

Dabei bestand das Tauschmedium Geld seit jeher aus reiner Konvention, wie der Historiker Niall Ferguson in seiner groß angelegten Geschichte „Der Aufstieg des Geldes” herausstreicht: „Tatsächlich gab es außer dem historischen Zufall keinen Grund dafür, dass Geld in der Vorstellung des Westens mit Metall gleichgesetzt wurde. [...] Geld ist kein Metall, sondern aufgeprägtes Vertrauen. Das Trägermaterial scheint kaum eine Rolle zu spielen: Ob es sich um Silber, Ton oder Papier oder einen Monitor aus Flüssigkristallen handelt, alles kann als Geld dienen, von den Kaurimuscheln auf den Malediven bis zu den riesigen Steinscheiben, die auf den Inseln von Yap im Pazifik benutzt wurden. Und im heutigen elektronischen Zeitalter scheint auch ein Nichts als Geld dienen zu könne”. In der Weltgeschichte, so Ferguson, war Geld in all seinen Aggregatzuständen aufgrund seiner Funktionen als Verrechnungseinheit und Wertspeicher vor allem eines: „transportable Macht”. Dadurch ist das Vertrauen in die Macht des Geldes einzige Quelle seiner Werthaltigkeit, und in Zeiten digitalen Geldes schwirrt diese Macht mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus.

Akzeptiert man diesen Abstraktionsgrad, dann versteht man, dass Geld weitaus mehr sein kann als die per Zentralbankmonopol mühsam kontrollierte Menge offizieller Zahlungsmittel. Denn durch den galoppierenden Vertrauensverlust in die staatlichen Währungen des Westens erodiert die Macht der Zentralbanken, die Flucht aus Dollar, Euro und Pfund befeuert die Suche nach alternativen Wertspeichern und Zahlungssystemen. Die Digitalisierung leistet ein Übriges bei der Entstehung eines wahren Zoos konkurrierender und komplementärer Zahlungs- und Abrechnungssysteme, die zum Großteil noch auf den offiziellen Währungen aufsetzen, zum Teil aber schon eigene, abgeschlossene Währungsräume im Virtuellen formen.

Fiatgeld und Ketchup-Inflation
Heutiges Zentralbankgeld wie Dollar und Euro ist Fiatgeld (lat. fiat = „es werde”): Es wird aus dem Nichts geschöpft und ist gleichzeitig alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel im jeweiligen Währungsraum. (Im Geldmonopol der Zentralbanken liegt auch die größte juristische Hürde für alternative Währungen.) Das kann eine Weile lang gut gehen, wie bei der D-Mark über Jahrzehnte. Aber Fiatgeld hat eine eingebaute Tendenz zur Inflation und neigt zu Blasenbildung, wenn die Notenbank nicht äußerste Disziplin walten lässt. Der wahre Auslöser der Finanzkrise von 2008 war die vorangehende Ära des billigen Geldes und der überbordenden Liquidität. In der Amtszeit von Alan Greenspan als Fed-Chef zwischen 1987 und 2006 wuchs die Geldmenge (M3) in den USA um knapp 300 Prozent auf über 10 Billionen US-Dollar. Heute versucht man mit denselben Mitteln der europäischen Staatsschuldenkrise Herr zu werden, indem man den Markt mit Liquidität flutet, Staaten und Banken mit Zentralbankgeld „druckbetankt”.
Noch ist die Inflation in der Eurozone nicht spürbar, weil sich die expansive Geldmenge und die rezessiven Tendenzen ausbalancieren und die Liquidität im Bankensystem absorbiert wird. Aber das ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Kurz- oder mittelfristig wird das eherne Gravitätsgesetz greifen, das die Menge des in Umlauf befindlichen Geldes zur Menge der realen Güter und Dienstleistungen ins Verhältnis setzt – und die Preise werden steigen.

Kenneth Rogoff, Star-Ökonom und Ex-Chefvolkswirt des IWF, hält den „Griff in den Giftschrank” der Notenpresse gar für unausweichlich und spricht gelassen aus, was die Politik bislang noch energisch dementiert: dass eine Inflationsrate von vier bis sechs Prozent das einzige Mittel ist, um die „Schuldenbombe zu entschärfen und um uns durch den Entschuldungsprozess zu helfen”. Abgesehen davon, dass Inflation ohnehin die unsozialste und undemokratischste Art ist, die Last der Staatsschulden auf die Bürger abzuwälzen und selbst moderat klingende Inflationssätze über Jahre akkumuliert einen gewaltigen Unterschied machen, könnte es auch ganz anders kommen, wenn der Geist erst einmal aus der Flasche ist, nämlich abrupter und massiver als erwartet. Ökonomen sprechen von „Ketchup-Inflation”: Wie beim Umdrehen einer Ketchupflasche passiert lange Zeit gar nichts, bevor sich alles in einem Schwall auf den Teller ergießt. Im Falle der Inflation wird das Essen dadurch nicht ungenießbar, sondern unbezahlbar – was man den Deutschen als ultimative Angst nicht erst soufflieren muss. Höchste Zeit, ernsthaft über strukturelle Alternativen nachzudenken.

Mehr im Trend-Update 02/2012 »

Erfahren Sie mehr zum Titelthema „Pop-Up Money” in der Print-Ausgabe des Trend-Updates:

  • Die Zukunft des Bezahlens – Der Kampf um einen Riesenmarkt beginnt
    Wer die Bezahlvorgänge kontrolliert, hat Zugriff auf den wichtigsten Rohstoff der Zukunft: sensible Kundendaten. Deshalb ist der Markt für mobiles Payment so heiß umkämpft. Das Smartphone wird zum Gamechanger und eröffnet selbst Außenseitern Chancen, die digitalen Geldbörsen von morgen zu beherrschen.
  • Interview mit Ralph Heidenreich und Stefan Heidenreich
    Ralph Heidenreich arbeitet als Programmierer in Biberach an der Riss. Stefan Heidenreich lebt in Berlin und unterrichtet an der ETH Zürich und der Kunsthochschule Kassel. Ihr gemeinsamer Essay „Mehr Geld” erschien 2008 im Merve Verlag und liegt in einer aktualisierten Auflage zum Download vor unter: www.stefanheidenreich.de