Das Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit wird immer merkwürdiger. Die Begriffe von Liebe, Sex und Partnerschaft werden ebenso neu definiert wie Romantik und Geschlechterrollen.

Machen Sie sich frei!
Schon Michel Foucault hat darauf hingewiesen, dass das öffentliche Reden über Sexualität und die mediale Präsenz des Themas nicht zu verwechseln sind mit einer emanzipierten gesellschaftlichen Praxis im Gebrauch der Lüste – und dass wir in dieser Beziehung eigentlich noch immer verklemmte Viktorianer sind. Aber es tut sich etwas, nicht nur im öffentlichen Diskurs, auch bei den praktizierten Modellen. An die Stelle allgemeiner Sitten- und Moralvorstellungen treten individuelle Arrangements. „Machen Sie sich frei!” gilt nicht mehr nur beim Doktor.

Die Verschiebungen im Spannungsfeld von Liebe, Sex und Partnerschaft stehen im Zentrum größerer Trend-Komplexe wie dem Wandel der Familie oder der Neujustierung von Geschlechterrollen. Auch wenn sie anfangs oft nur von kleinen Minderheiten adaptiert und praktiziert werden, sind sie doch Seismographen für kommende Beben, die die ganze Gesellschaft erfassen können. Im Zuge der gesellschaftlichen Liberalisierung wandern Praktiken, die lange als Perversion gebrandmarkt waren, und Paarmodelle, die als Sittenverfall stigmatisiert wurden, immer weiter in den Mainstream.

„The small forces behind society’s big changes” nennt der US-Marktforscher und Strategieberater Mark J. Penn diese „Microtrends” und beschreibt in seinem gleichnamigen Buch eine ganze Anzahl solcher Strömungen und Phänomene im Kontext von Sexualität und Partnerschaft. Auch wenn sie weniger als ein Prozent der Bevölkerung betreffen, können sie sich schnell ausbreiten und die Leitmilieus von morgen bilden oder beeinflussen. Für das Marketing stellen sie wichtige Pionier-Zielgruppen dar, die meist noch unter dem Radar der Marktforschung liegen.

Von daher hoffen wir, Ihnen mit dieser Ausgabe Inspirationen zu liefern, über ein altes Thema einmal neu und unvoreingenommen nachzudenken – „Info Porn” im besten Sinne des Wortes.

Holm Friebe

Lesen Sie weiter: hier gehts zum Leitartikel: Polylove – Es ist kompliziert. Die neue Vielfalt von Geschlechterrollen, Partnerschaft und Sex »

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