Es ist kompliziert. Sex, Gender, Liebe, Partnerschaft, Intimität, Romantik – ein weites Spannungsfeld, auf dem sich die Megatrends Individualisierung, Female Shift und Connectivity voll austoben und vermischen.
Nicht nur die Rollenbilder, auch die Geschlechter-Identitäten verschwimmen an den Rändern. Die Codierung von Intimität und Romantik verschiebt sich. Neue Arrangements für Sexualität und Partnerschaft drängen aus den Nischen in den Mainstream. Das Internet verändert das Dating- und Paarungsverhalten, und die heterosexuelle monogame Beziehung ist längst nur noch eine von vielen Optionen im Zeitalter der pluralisierten Sexstyles. Willkommen im Zeitalter von Polylove.
Facebook bietet im Auswahlmenü für den Beziehungsstatus neben den üblichen Klassifikationen „Single”, „Verheiratet”, „Verwitwet” und der Option „in einer offenen Beziehung” zusätzlich die salvatorische Klausel „Es ist kompliziert” an. Mittlerweile ist sie zum geflügelten Wort mutiert, weil sie offensichtlich einen Nerv der Zeit trifft. Die Komplexität in Liebesdingen war noch nie so groß wie heute, gleichzeitig bietet die neue Unübersichtlichkeit die Chance darauf, dass ein paar hartnäckige Widersprüche von Treue und Verlangen, Vertrauen und Begehren sich auf der nächsthöheren Komplexitätsebene auflösen lassen – und ein paar mehr Menschen und Paare den Liebesstil finden, der zu ihnen passt.
Schon 2007 prognostizierte das Zukunftsinstitut in seiner Studie „Sexstyles” unter anderem: „In den nächsten Jahren werden Seitensprünge immer stärker das Stigma des Betrügens und moralisch Verwerflichen verlieren. Menschen, insbesondere mittleren Alters, werden mit der Frage des Fremdgehens liberaler, versöhnlicher, weniger dogmatisch und verächtlich umgehen.” Damals gab es Anlass zur Hoffnung, „Smart Sex” könne sich als Kulturtechnik etablieren, den Krieg der Geschlechter entschärfen und gleichzeitig Individuen beiderlei Geschlechts bei der persönlichen Entfaltung jenseits von Scham und Schuld helfen. Heute sind wir auf diesem Weg ein kleines Stück weiter (wenn auch längst nicht angekommen). Was an den Rändern wächst, ist vielleicht keine neue sexuelle Revolution, wohl aber eine neue sexuelle Evolutionsstufe. Der gesellschaftliche Wertewandel hat die individuelle Selbstentfaltung an erste Stelle gesetzt. Die sexuelle Liberalisierung ist die dazu passende Grundströmung. Aber weil zu Sex, Liebe und Partnerschaft immer zwei (oder mehrere) gehören, muss das Sittenbild differenzierter ausfallen. Heute sehen wir eine neue Gegen- und Suchbewegung, katalysiert durch das Internet und diesmal getragen von intellektuellen Frauen, die mit der Gleichberechtigung auch das Recht auf erotische Selbstbestimmung einfordern.
Geschlechterrollen: Role Model Androgynität
Während die deutschen Feuilletons zum Jahresbeginn eine ermüdende und antiquierte Pseudo-Debatte über verrutschte Geschlechterrollenbilder, männliche Weicheier und die weibliche Mitschuld daran führten, verschieben sich im Hintergrund tatsächlich die Akzente: In dem Maße, wie die Männer aus der Versorgerrolle – und damit aus ihrer familiären Machtposition – entlassen werden, wird der Weg frei für eine Annäherung der Geschlechter auf Augenhöhe. Damit wird deutlich, dass die Unterschiede der Geschlechter nicht so fundamental sind, wie Evolutionsbiologen, Mario Barth und andere „Backlasher” sie behaupten, dass Männer genauso über ihre Gefühle reden können und Frauen durchaus einparken. Das akademisch-politische Programm, mit dem die Gender-Studies angetreten sind, der Nachweis, dass die sozial konstruierten Geschlechterrollenbilder (Gender) wirkmächtiger sind als die genetisch determinierten (Sex), scheint aufzugehen in der Realität des 21. Jahrhunderts. Das Jammern über männliche Softies und die Phantomschmerzen angesichts aussterbender Machos sind sentimentale Rückzugsgefechte und notwendige Friktionen, weil es für das neue Miteinander noch keine etablierten Regeln gibt. Vorn ist bekanntlich da, wo sich keiner auskennt.
Mehr im Trend-Update 05/2012 »
Erfahren Sie mehr zum Titelthema „Polylove” in der Print-Ausgabe des Trend-Updates:
Interview mit Kathrin Passig, Publizistin, Sachbuchautorin und bekennende Sadomasochistin. Zuletzt erschien von ihr „Das neue Lexikon des Unwissens” (2011, zu- sammen mit Kai Schreiber und Aleks Scholz). Ihr SM-Ratgeber „Die Wahl der Qual” (2000, zusammen mit Ira Strübel) gilt mittlerweile als Standardwerk- Sex by numbers
Nicht nur in Schwellenländer wird das statistische Geschlechterverhältnis für Singles zum Problem - Scheduled Sex
Wenn der Alltag keine Zeit für die „schönste Nebensacher der Welt” lässt, hilft oftmals ein Eintrag im Kalender


1 Kommentar
Geri schreibt:
11. Juni 2012
Was die Entwicklung der Geschlechterrollen angeht, denke ich ebenso. Das die Partnersuche immer komplizierter zu werden scheint, weil sich einem durch Internet und soziale Netzwerke eine vermeintlich unglaubliche “Auswahl” bietet, kann ich auch nachvollziehen. Aber die Sehnsucht des Menschen nach Exklusivität in der Liebe wird bleiben. Fremdgehen ist etwas, was jeden Tag passiert, dafür wird niemand mehr geköpft, sicherlich. Dennoch bleibt gerade in unserer globalisierten Welt der Wunsch geliebt zu werden, ein bisschen heile Welt zu spüren, in dieser Beziehung etwas ganz Besonders zu finden. Es ist immer schmerzhaft, wenn ein Partner dieses Versprechen bricht und seine Aufmerksamkeit abwendet, auf die wir ein Vorrecht zu haben, hoffen. Diese die prognostizierte Lockerheit in Bezug auf Treue halte ich für unwahrscheinlich.