Resilience - Das Management des Unerwarteten

Resilience bezeichnet alles, worauf es in Krisenzeiten ankommt: Offenheit, loslassen können, Ruhe bewahren und im Notfall blitzschnell reagieren. Dabei eignet sich Resilience sowohl als Business-Strategie als auch als private Lebensphilosophie. Matthias Horx und Holm Friebe erläutern Ihnen im Titelthema die entscheidenden Faktoren, um unter unvorhersehbaren Umständen als Organisation erfolgreich zu sein:

Die Stehauf-Strategie

Was zeichnet Organisationen aus, die unter unvorhersehbaren Umständen erfolgreich sind? Sie sind heterogen und flexibel – und nicht zu effizient.

Der Schwarze Schwan
Das Buch kam zur rechten Zeit. Noch unter dem Eindruck von 9/11 entwickelte der Mathematiker Nassim Nicholas Taleb seine Theorie des „Black Swan“. Er benennt damit hochgradig unwahrscheinliche, unvorhersagbare Ereignisse mit gewaltigem Impact. Zu ihrem Wesen gehört, dass hinterher alle Warnzeichen gesehen haben wollen, die vorher kollektiv ignoriert wurden. Über Jahrhunderte war der „Schwarze Schwan“ ein Synonym für ein Ding der Unmöglichkeit – bis Mitte des 17. Jahrhunderts in Australien tatsächlich schwarze Schwäne entdeckt wurden. Talebs Buch erschien im Herbst 2007. Ein Jahr später ging Lehman Brothers pleite, und die Welt schlitterte in eine Finanzkrise, die nahtlos in die Staatsschuldenkrise überging. Als nächste Eskalationsstufe droht nun das Platzen der Kredit-Blase in den Schwellenländern und BRIC-Staaten.

Angesichts der andauernden Labilität des Weltfinanzsystems kann man mit Fug und Recht bestreiten, dass es sich bei den einzelnen Korrekturen um echte Black Swans handelt – schließlich gab es genügend Hinweise und warnende Stimmen –, die Reaktorkatastrophe in Fukushima war definitiv einer, und die Nachbeben in der deutschen Energie- und Parteipolitik sind ebenso gravierend wie noch vor Kurzem unvorstellbar. Gefühlt jedenfalls häufen sich die Schwarzen Schwäne. Die Angst vor systemischen Risiken und Kettenreaktionen bewirkt, dass die Politik den Gang rausnimmt: „Auf Sicht fahren und sich immer wieder revidieren“, heißt das neue Regierungsprogramm in einer „ganz, ganz unruhigen Welt“, sagt Angela Merkel.

Bei dieser Diagnose mag ein überschießender Angstreflex im Spiel sein, doch gibt es genügend Hinweise, dass Großunternehmen und Konzerne anfälliger werden gegenüber unerwarteten externen Schocks. Die Halbwertszeit von Organisationen nimmt ab. Seit 1935 ist die Verweildauer im Standards-&-Poor’s-500-Index, der Liste der größten US-Unternehmen, von 90 Jahren auf 15 Jahre gesunken. Bis 2020 wird die Hälfte der heute gelisteten Unternehmen daraus verschwunden sein. Die Gefahr wächst, durch unvorhersehbare Ereignisse – Finanzkrisen, Markttrends oder disruptive Technologiesprünge – aus der Kurve getragen zu werden.

Was können die betroffenen Organisationen tun? Interessanterweise sieht die Coping-Strategie, die Nassim Nicholas Taleb anbietet, nicht vor, Black Swans besser vorherzusagen – das wäre per Definition zum Scheitern verurteilt. Echte Schwarze Schwäne kommen immer aus der Richtung, wo man sie am wenigsten vermutet. Stattdessen schlägt er vor, durch strategische Maßnahmen die allgemeine Robustheit zu erhöhen und das System dadurch nicht nur weniger verwundbar gegenüber negativen Schocks zu machen, sondern auch in die Lage zu versetzen, positive Schocks wie Technologiesprünge schneller zu adaptieren und besser zu nutzen.

Resilienz: Die neue Nachhaltigkeit
Wenn es eine Ein-Wort-Antwort auf diese Herausforderung, die Häufung von Krisen, die gesteigerte Krisenanfälligkeit und den bevorstehenden Paradigmenwechsel gibt, dann ist es Resilienz. Abgeleitet vom lateinischen resilire (abprallen, zurückspringen), stammt der Begriff ursprünglich aus der Physik und Werkstoffkunde. Dort bezeichnet Resilienz den stabilen Gleichgewichtszustand eines Systems bzw. Eigenschaften elastischer und gleichzeitig robuster Materialien. In der Folge machte er in der Pädagogik Karriere. Anfang der 1970er zog ihn die Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner heran, um in einer Langzeitstudie zu erklären, warum manche Kinder der Hawaii-Insel Kauai zwar unter extrem widrigen Umständen aufwuchsen, dennoch aber später zu gesunden und selbstbewussten Persönlichkeite1n reiften. Seither forschen Psychologen daran, welche Faktoren zusammentreffen müssen, dass Menschen an Trauma- und Krisensituationen nicht zerbrechen, was seinen Niederschlag im populären Ratgebersegment findet. Die Titel aus den letzten Jahren lauten etwa „Das Resilienz-Buch: Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken“ oder „Die Strategie der Stehauf-Menschen: Resilienz – so nutzen Sie Ihre inneren Kräfte“.

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Auszug auf Englisch zum Titelthema „Resilience – the Stand-up-Strategy“ (PDF)

Weitere Aspekte des Trends „Resilience“ in der Print-Ausgabe des Trend-Updates:

  • Black Swans und der Aufstieg der Resilienz: Wird die Welt tatsächlich volatiler, unruhiger, konflikthafter?
    Warum reden plötzlich alle von Resilienz? Der Grund ist die Behauptung, wir lebten in einer Zeit der Eskalation: von Konflikten, Problemen, Herausforderungen, Wandlungsprozessen. Dies kondensiert in der „Noch-nie“-Formel. „Noch nie gab es so viel Unsicherheit; noch nie gab es so viel Gefahren; noch nie war der Wandel schneller“. Oder in der klassischen Steigerungs-Vermutung: „Immer mehr Menschen sind arm; immer mehr Krankheiten breiten sich aus; immer mehr Naturkatastrophen.“
  • Resiliente Organisationen
    Wann ist ein Unternehmen, eine Gesellschaft, eine Familie resilient? Eine der Standard-Antworten der letzten Jahre lautete: Wenn es/sie vernetzt ist oder gar als Netzwerk funktioniert! Diese Antwort reicht für die Zukunft nicht mehr.
  • Resilienz wird zur Lebenshaltung: Was macht resiliente Menschen aus?
    In der Psychologie bezeichnet der Begriff Resilienz die Fähigkeit eines Individuums, in Krisen, Übergangssituationen und Wandlungsprozessen zu „funktionieren“. Folgende Eigenschaften sind dazu nötig.
  • Interview mit Dr. Annette Gebauer, systemische Beraterin, spezialisiert auf Corporate Learning: „Alles kann morgen anders sein als gestern“